Der GI-Express

Straßenschlachten gab es zu allen Zeiten im Unterwesergebiet. Besonders die Leher und Geestemünder Butjer können ein Lied davon singen. Sie waren sicher das Vorbild für die Kaiserstraßenjungs und die Knaben von Klein-Moskau, einem Viertel zwischen Hansastraße und Rickmersstraße.

Wenn nach Weihnachten die Tannenbäume zum Abtransport auf die Straße geworfen wurden, dann waren die ausgedienten Bäume nicht nur Spielzeug für die Kleinen, sondern auch für die Großen. Die Stümpfe der Tannenbäume wurden zu Knüppeln umfunktioniert und schon konnte es losgehen. Gründe lagen auf der Hand: Es genügte, wenn den Klein-Moskau-Gören mal wieder gezeigt wurde, was Trumpf war.

Manches Hemd landete im Nähkasten der Mutter, und manche Nase, die vorher nicht passte, saß gut.

Aber die Kinder aus diesen Gebieten heckten auch gemeinsam Unfug aus. Während der Besatzungszeit der Amerikaner traf man sich häufiger, entweder in der Schule, die wieder angefangen hatte, oder in der Jugendgruppe im Haus des Handwerks bei Teddy Wollhöfer.

Routine im Überklettern von Zäunen hatte man durch das Hamstern schon, und so waren alle dabei, als es galt, mal wieder sehen, was im Lagerschuppen der Amerikaner am „Rotersand” zu finden war.

Alles ging wie geschmiert: Rüber über den Zaun, rein in die Halle! An die ersten Kisten! Gross muss die Enttäuschung gewesen sei, als die Flegel merkten, dass sich nur Leuchtspurmunition in den Kisten befand. Aber was wäre ein Kind dieser Tage gewesen, wenn es das Zeug nicht mitgenommen hätte. Also, jeder so viel wie möglich in die Hemden und Hosen und wieder über den Zaun!  Und der Schalk saß den Kindern im Nacken, als ihnen der herankommende GI-Express, eine Straßenbahn nur für die Besatzungsmacht, auffiel.

Dieser Straßenbahnwagen war ihnen  lange ein Dorn im Auge. Punkt 17 Uhr hörte man überall in Bremerhaven die Flaggenparade der Amerikaner, der Straßenbahnwagen hielt dann auf freier Strecke. Alle Amerikaner stiegen aus, standen stramm und grüßten militärisch, anschließend ging es weiter. Dieser Wagen wurde nun aufs Korn genommen! Es ging alles sehr schnell. Viele von den Leuchtspurraketen wurden in Reih und Glied zu beiden Seiten in die Schienen gelegt, und die Kinder suchten sich ein gutes Versteck. Was dann kam, schilderte ein damaliger Augenzeuge so:“ Als die Straßenbahn, sinnig ankommend, über die Stelle fuhr, wo die Dinger lagen, fing ein fürchterliches Geknalle an. Die Munition explodierte, der Straßenbahnwagen blieb augenblicklich stehen. Die Passagiere müssen wohl geglaubt haben, der jüngste Tag sei angebrochen, so ungefähr benahmen sie sich.“

Ein herrliches Erlebnis für die Knaben, die nun durch die Gärten das Weite suchten.

 

 

26 Jahre danach…………..

Das Zollhäuschen an der Schleusenstraße

 

Während der Besatzungszeit vor der Währungsreform gab es dieses Zollhäuschen immer noch, nur waren hier keine Zollbeamten mehr, die auf Zollbestimmungen achteten. Amerikanische GI’s passten auf, dass im Hafen nichts „organisiert“ wurde.

Die Zeit nach dem Krieg zwischen 1945 und 1948 war für die meisten Leute eine schlechte Zeit. Es gab nichts zu essen, und der Schwarzhandel blühte. Die höchsten Preise erzielten Zigaretten. Für eine Schachtel bekam man fast alle Lebensmittel, die man brauchte. Und so waren die Schiffe im Hafen, von denen man wusste, dass Kisten mit Zigaretten dort zu löschen waren, die „begehrtesten“ Arbeitsplätze der Bremerhavener Hafenarbeiter.

Rolf Boettcher war damals 18 Jahre alt, als er im Hafen versuchte für sich, seine Schwester und seine Mutter den nötigsten Lebensunterhalt zu verdienen und zu organisieren.

Als er wieder einmal die Taschen voll geklauter Zigaretten hatte, sah er schon von weitem am Tor in der Schleusenstraße Männer, die dort im Kreise gingen, einen Ziegelstein mit ausgestreckten Armen über dem Kopf tragend. Dies war eine der Strafen, die die Amerikaner verordneten, wenn beim Filzen der Arbeiter Ware aus dem Hafen gefunden wurde.

Der erste Gedanke von Rolf Boettcher:“Zappenduster!“ Ein Zurück gab es nicht mehr; man hatte ihn bereits gesehen. Was ihm außer Ziegelsteinbalancieren noch blühte, ahnte er. Egal, was beim Filzen gefunden wurde, einen Teil davon musste man als zusätzliche Abschreckung aufessen. Und so ging es auch Rolf, der nun an der Reihe war. Fünf Zigaretten musste er herunterschlucken. Die erste ging noch, die nächsten vier wurde unter würgen in den Magen befördert. Dann einen Stein in die Hand und einreihen!

Als Rolf nach Hause durfte, konnte er seine Arme nicht mehr fühlen, dafür umso mehr seinen Magen…..

In den 50ger Jahren wurde der Zollzaun verlegt und das Zollhäuschen verschwand.

 

 

Die Kaiserstrasse in der Besatzungszeit

Als die Amerikaner in Bremerhaven einmarschierten, hoffe alle, dass nun alles besser wurden würde. Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis sich das Leben normalisierte. In der Kaiserstrasse wurden Laden von den Alliierten beschlagnahmt. Das Viertel östlich der Kaiserstraße wurde für amerikanische Offiziere zwangsgeräumt.

Die Firma Karstadt hatte in der Kaiserstraße drei Läden: Kaiserstraße Nr. 1, Nr. 27 und Nr. 40. 1944, nach dem Großangriff, wurde sie hier eingewiesen. Viele Geschäfte aus dem heutigen Mitte wirkten hier bis in die 50ger Jahre. Die Buchhandlung Morisse teilte sich einen Laden mit dem Blumenhaus Hochdanz, und Dr. Volbehr schreibt über diese Zeit:

„Die Lloyd-Apotheke, Lloydstrasse 25, Inhaber Dr. Berend Volbehr, brannte 1944 bei der Bombardierung unserer Stadt aus. Einige Geräte blieben in den Kellern der Ruinen erhalten.

Der Gauleiter Telschow wies die Räume einer Gastwirtschaft am Anfang der Kaiserstraße zur Errichtung einer Notapotheke an. Die Ausstattung erfolge behelfsmäßig durch einige Regale und einen Ladentisch aus den Ruinen eines Textilgeschäftes. Das Gesundheitsamt der Stadt Wesermünde erließ seinerzeit einen Nacht- und Sonntagsdienst. Hier steht die neuerstellte Apotheke heute noch.

Der aus der englischen Gefangenschaft zurückgekehrte Schreiber dieser Zeilen wurde von den Engländern zum Leiter des Apothekenkreises Wesermünde (Stadt und Land) ernannt. Er lenkte u.a. die Versorgung der Apotheken aus dem Großhandel in Bremen und den Depots der ehemaligen Wehrmacht.“

Karstadt musste den Laden Nr. 27 an die Amerikaner abtreten, kurze Zeit später bekam die Firma die Räume zurück und überließ den Amerikanern dafür den Laden im Haus des Handwerks in der Kaiserstrasse Nr. 1.

Hier richtete sich unter anderem der amerikanische Soldat Teddy Wollhöfer mit seiner Jugendgruppe ein. Die Besatzungsmächte hatten sich zur Aufgabe gemacht, Kindern und Jugendlichen von den Trümmerspielplätzen zu holen. Sie gaben ihnen zu essen, unterhielten sie und versuchten so, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Besonders farbige Amerikaner, die als sehr kinderlieb galten, mussten es sich hart erarbeiten. Immer wieder wurden sie ängstlich angestarrt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Farbige den Kindern nur aus Bilderbüchern oder vom Jahrmarkt bekannt. Verständlich war daher auch die Reaktion eines Pökses, der beim Anblick seines ersten Negers das Weite suchte. Der warf ihm noch lachend eine Tafel Schokolade aus dem LKW zu, jedoch das Kind raste wie von Furien gehetzt nach Hause, ohne sich auch nur umzusehen. Aber nicht nur die farbigen Amerikaner wurden mit Skepsis beobachtet, denn die GI’s benahmen sich nicht immer ritterlich den deutschen Mädchen gegenüber.

In dieser Zeit hatte die Hausfrau auf dem Gasofen nur in der Nacht eine gleichmäßige Flamme, tagsüber gab es Stromsperren, Essen war knapp. So erschien es nur selbstverständlich, wenn in der Nacht vom Kasernenhof am „Rotersand“ das am Tage zuvor geschossene Reh von der Klopfstange verschwand, ein guter Fang für die Diebe, ein schlechter Tag für die amerikanischen Offiziere.

Der Handel mit den Amerikanern begann. Eine doppelseitig bespielbare Mundharmonika brachte vier Packungen Zigaretten; das war ein Vermögen. Die Amerikaner brauchten Schnaps, und so fing die Bevölkerung an selbigen zu brennen. Drei Schachteln Zigaretten bekam man pro Flasche.

Als die Währungsreform durchgeführt wurde, hörte auch der Schwarzmarkt auf. Die amerikanischen Familien brauchten Stubenmädchen und Waschfrauen, bezahlt wurde mit Naturalien. Dadurch verbesserten sich die Lager der Kaiserstraßenbewohner ein wenig.

In den folgenden Jahren ging es allmählich wieder bergauf. Deutschland lernte Demokratie, und das Ende der Kaiserstraße nahte.

Das Dependents-Hotel

1946 wurde der Wohnblock Kaiserstraße/Kantstraße von den Amerikanern beschlagnahmt, um dort ein Hotel einzurichten.

In den ersten Tagen nach der Beschlagnahme flog alles aus den Fenstern, was noch in den Wohnungen war, und dann fing man an, alles umzubauen. Als das Hotel fertig war, wurden deutsche Zimmermädchen, Kindermädchen und Handwerker eingestellt. Die Zimmermädchen mussten die Zimmer für die ersten Gäste herrichten, und die Kindermädchen richteten einen Kindergarten ein. Es gab eine Messe für die Gäste, in der Zimmer- und Kindermädchen erst dann essen durften, wenn alle Amerikaner den Raum verlassen hatten. Jeder freute sich, beim „Ami“ arbeiten zu dürfen, und hoffte auf ein Paar Strümpfe, Zigaretten, Schokolade oder vieles mehr, was den Deutschen fast schon unbekannt war.

Als die ersten Gäste einzogen, herrschte Misstrauen zwischen ihnen und den Angestellten. Sie ließen es diese spüren, dass sie die Sieger waren.

Inge Werner erzählte aus dieser Zeit von einer jungen Amerikanerin, die ihre Kinder nur ungern in den Kindergarten zu ihr gab. Das Misstrauen dieser Frau löste sich erst nach einiger Zeit, und dann erzählte die Amerikanerin ihr, wie schwer es ihr fiel, nach Deutschland zu kommen.

Das Dependents-Hotel war noch lange in dieser Straße. Erst nach 1972 wurde es der Stadt zurückgegeben, und seitdem sind wieder Wohnungen in diesem Häuserblock.